Veranstaltung mit Journalist Jürgen Dröschner zu Radioaktivität bei Öl- und Gasbohrungen

“Haltet es aus den Schlagzeilen!” – Shells Motto zur Radioaktivität bei Öl- und Gasbohrungen

Jörn Krüger, 27. Januar 2011

Jürgen Döschner, Journalist und Wirtschaftsexperte beim WDR, hielt bei der letzten Versammlung der IGGG in Nordwalde einen Vortrag zur radioaktiven Belastung der Abfälle in der Öl- und Gasindustrie. Seit ungefähr 80 Jahren ist bekannt, das sich bei jeder Art von Bohrung radioaktive Isotope in den Bohrschlämmen und Förderrohren ansammeln.

Vorwiegend das wasserlösliche Radium-226, welches der gleichen Gefahrenklasse I angehört wie Plutonium und Polonium, fällt in großen Mengen an. In Deutschland vor allem bei ExxonMobil in Niedersachsen als größter Produzent von Erdgas. Über die Entsorgung gibt es sehr unterschiedliche Angaben. Der Branchenverband WEG spricht von 200 Tonnen pro Jahr. Das Bergamt in Niedersachsen nur von 20 Tonnen. Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit rechnet nach eigenen Angaben mit 2000 Tonnen. Wie viel es genau ist, weiß leider niemand, weil die Meldemenge für einzelne Unternehmen bei 2000 Tonnen pro Jahr liegt.

Hier offenbart sich eine Schwäche der deutschen Gesetze, denn radioaktive Stoffe aus der Erde werden als natürliche Radioaktivität klassifiziert, für die 100 mal höhere Grenzwerte gelten, als für aufbereitete Stoffe aus Kernkraftwerken. Auch gilt das viel kritisierte Bergrecht und nicht das strenge Atomrecht.

Radium-226, als wasserlösliches Isotop, fällt bei der unkonventionellen Gasförderung in erheblichen Mengen an. Es hat eine Halbwertzeit von 1600 Jahren, aber strahlt nur auf kürzeste Entfernung (Alpha-Strahler). Erst bei Aufnahme in den Körper, z.B. durch kontaminiertes Wasser oder durch Staub, wird es gefährlich und kann Knochenkrebs, Brustkrebs und Leberkrebs auslösen. Messbar ist es nur durch chemische Analysen im Labor. Geigerzähler schlagen erst an, wenn große Menge zusammen kommen. Aber selbst das erlebte Jürgen Döschner bei Untersuchungen von ausgedienten Förderrohren auf einem Bohrplatz in Niedersachsen.

Eine Untersuchung des Risikos in den USA ergab im Marcellus Shale, dem größten Fördergebiet für unkonventionelles Gas, Belastungen von 100 bis 600 bq/l Radium 226. Der Grenzwert für Abwässer in den USA liegt bei 2.2 bq/l. Trinkwasser darf dort maximal 0,18 bq/l enthalten. In Deutschland und Europa gibt es keine Grenzwerte, die eingehalten werden müßten. Unternehmen müssen sich also auch nicht verpflichtet fühlen, die Belastung zu messen oder zu melden. Das ist auch das Konzept der Öl- und Gasindustrie. Aus einer internen Shell Präsentation zeigte Jürgen Döschner das Motto des Konzerns zum Thema Radioaktivität: “Haltet es aus den Schlagzeilen!”.

Entsorgt werden die Abfälle auf drei Wegen. Gerade in Großbritannien und im Umfeld der Nordsee, werden die radioaktiv belasteten Bohrschlämme einfach im Meer entsorgt. In den USA und in Russland ist es verbreitet, die Stoffe zu verdünnen und dann auf großen Flächen zu verteilen. In Norwegen, den Niederlanden und Deutschland werden die Stoffe bestenfalls konzentriert und in Fässern gelagert.

Aber auch hier ist der nächste Skandal nicht weit. Ein Unternehmen aus dem Ruhrgebiet lagerte die Kunststofffässer ohne weitere Kennzeichnung auf einem Hof. Bei einem möglichen Transportschaden hätten Arbeiter oder Rettungskräfte den Inhalt ohne Schutzausrüstung beseitigt. Aus Niedersachsen ist bekannt, daß das radioaktiv belastete Material auch einfach wieder zurück in den Boden gepumpt wird.

Atomkraftgegner berufen sich ungerne auf die Risiken der “natürlichen” Radioaktivität, weil Atomkraftbefürworter das als Argument für die “Ungefährlichkeit” der Kernenergie heranziehen. So ist das Thema in Deutschland weitgehend unbekannt. Jürgen Döschner rief dazu auf, sich zu informieren und das Wissen weiter zu geben. Er möchte Konzernen nicht absprechen, Geld zu verdienen, aber sie sollten es so tun, das Mensch und Umwelt möglichst wenig geschädigt werden.

Die knapp 70 Zuhörenden stellten noch sehr viele Fragen. Sicher ist, das Helmut Fehr von den Grünen das Thema an den Landrat Thomas Kubendorf herantragen wird. Dieser ist für die Genehmigung der Probebohrung in Nordwalde verantwortlich.

Das vollständige Manuskript zum Radio Feature “Strahlende Quellen” ist bei WDR5 zum kostenlosen Download verfügbar.

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