unkonventionelle Erdgasförderung

"unkonventionelle" Erdgasförderung und "konventionelle" Gesetze

Zu Beginn der Automobilisierung in Europa mussten die Menschen verwundert feststellen, dass ihre Straßen und öffentliche Plätze auf einmal eng und gefährlich geworden waren. Menschen, Fuhrwerke und (Zug-)Tiere – bislang an das Postkutschentempo gewöhnt – mussten entweder hektisch ihre angestammten Plätze räumen oder mehr oder weniger starke Blessuren hinnehmen. Erst ein über mehrere Generationen hinweg erfolgender harter Ordnungs- und Lernprozess mit Führerscheinprüfungen, Straßenverkehrsordnung, Polizei und Sünderkartei konnte die Situation allmählich entschärfen. Der Verkehrssektor ist zu einem der wichtigsten Faktoren unseres Wirtschaftslebens geworden, nicht obwohl, sondern weil er so strikt reglementiert ist.

Ähnlich verhält es sich mit der Förderung von Erdgas. Bislang bohrte man ein Loch in die Erde und steckte ein Rohr hinein, aus dem dann Gas strömte, wenn man die richtige Stelle erwischt hatte. Das nennt sich „konventionelle“ Förderung und ist vergleichbar mit dem Postkutschenzeitalter im Straßenverkehr. Leider sind diese Stellen aber bereits größtenteils ausgebeutet, sodass man auf solche zurückgreift, an denen sich zwar auch Gas fördern lässt, aber nur unter Einsatz einer besonderen Technik. Diese Technik nennt sich „unkonventionell“ und verhält sich zur bisherigen wie ein Rennwagen auf einer Dorfstraße.

Denn diese Methode ist mehr als rabiat. An das Rohr in der Bohrung werden große Kompressoren angeschlossen und der Transportweg erst einmal umgedreht: Anstatt aus der Tiefe nach oben, wird von der Oberfläche aus ein Wasser-Chemikalien-Gemisch mit hohem Druck nach unten gepresst. Dort unten soll es Risse und Klüfte im Gestein verursachen, durch die das dort vermutete Erdgas mitsamt dem zurückströmenden Gemisch gefördert werden kann, wenn der Druck wieder abgelassen wird.

Mit diesem „hydraulic fracturing“ oder kurz: „Fracking“ genannte Verfahren können zwar neue Gasvorkommen angezapft werden, jedoch um einen hohen Preis: Die eingesetzten Energie- und Materialmengen sind sehr hoch. Zudem sind einige der eingesetzten Chemikalien so giftig, dass sie keinesfalls mit Trinkwasser in Berührung kommen dürfen. Die Rückflüsse (eingesetzte Chemikalien und mitgeförderte Tiefenwässer) sind schwierig zu entsorgen, wobei sowieso nur ein Viertel zurückgefördert werden kann, der Rest verbleibt im Boden. Die Klimaschädlichkeit wird aufgrund der Energiebilanz und entweichendem Methan höher als Erdöl, vergleichbar mit Kohle eingeschätzt.

Durch diese Veränderungen, insbesondere durch das Einbringen großer Mengen wassergefährdender Problemstoffe, hat sich diese Methode von einer „konventionellen“ Förderung so weit entfernt, wie ein Auto von einer Postkutsche. Allerdings beanspruchen die durchführenden Unternehmen für ihre „unkonventionelle“ Fördermethode „konventionelle“ Rechte – Rechte, die noch aus den Zeiten der Postkutschenerdgasförderung stammen, und die für diese Zwecke nicht gedacht worden sind.

 

Aus diesen Gründen freuen wir uns sehr, dass diese Diskussion die breite Bevölkerung erreicht hat und in den Gemeinderäten der betroffenen Kommunen lebhaft diskutiert wird. Wir fordern:

  • eine Aufhebung der bisherigen Genehmigungspraxis und einen sofortigen Stopp „unkonventioneller“ Förderung bis deren Unbedenklichkeit nachgewiesen ist
  • eine grundsätzliche Überarbeitung des Bundesbergrechtes und eine Neustrukturierung des Landesbergamtes in Niedersachsen
  •  Aufhebung der bisherigen Praxis der Einzelgenehmigungen von Probebohrungen, Probe­fracking und Förderung ? Ersatz durch langfristige und erschöpfende Gesamtbetriebspläne
  • eine Untersuchung der Risiken (auch von Folgemaßnahmen, z.B. Tiefenwasserentsorgung) durch unabhängige Einrichtungen
  • eine breit gefasste UVP-Pflicht mit allen Beteiligungsrechten der Öffentlichkeit für alle Bereiche „unkonventioneller“ Förderung , auch für Folgemaßnahmen
  • eine finanzielle Absicherung gegen langfristige Schäden („Ewigkeitsschäden“)
  • Umkehr der Beweislast bei Bergschadensvermutungen

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