Gas-Leckage verunsichert Anwohner

Familie Schoon lebt mitten im Fördergebiet Söhlingen

Von Hans Ettemeyer

Rotenburg. Erdwin Schoon ist empört: Erst aus den Medien hat er erfahren, dass nur ein paar Hundert Meter von seinem Haus entfernt aus einer lecken Rohrleitung gesundheitsgefährdende Stoffe in Erdreich und Grundwasser gelangt sind. Von ExxonMobil, die in Brockel (Landkreis Rotenburg) Erdgas fördert und die Rohrleitung betreibt, "habe ich keinerlei Informationen über die gefährlichen Gifte bekommen", sagt Schoon. Er macht sich Sorgen um die Gesundheit seiner Familie.

Das Haus von Erdwin Schoon (72) im Brockeler Ortsteil Bellen zu finden, ist selbst mit Navigationsgerät eine Herausforderung. Deshalb gibt der Pensionär seinem Besucher einen hilfreichen Tipp: "Biegen Sie gegenüber der Exxon-Reinigungsstation scharf nach rechts und dann kurz vor der Gasförderstation Z9 nach links." Hier lebt, ganz tief in einem Waldstück, Erdwin Schoon mit seiner Frau Christa (68) und Tochter Mady (50). Die frühere Nerzfarm liegt mitten im Gasfördergebiet Söhlingen.

"Sehen Sie die vielen signalgelben Stangen in der Landschaft? Da verlaufen überall die Leitungen der Exxon." In einer hat es, wie erst Anfang der Woche bekannt geworden ist, 2007 eine Leckage gegeben. Dabei sind an neun Stellen das giftige Schwermetall Quecksilber und aromatische Kohlenwasserstoffe wie zum Beispiel das krebserregende Benzol in Erdreich und Grundwasser gelangt (wir berichteten). "Das ist nur einige Hundert Meter von unserem Haus entfernt passiert", so Schoon. Die Leitung verbindet die Förderstation Z 3 mit der Exxon-Reinigungsstation. Dort wird das bei der Gasförderung anfallende Wasser gereinigt, unter anderem von dem giftigen Schwermetall Quecksilber.

ExxonMobil hat zwar inzwischen 2500 Kubikmeter kontaminiertes Erdreich ausgewechselt und entsorgt, doch Schoon lässt die Sache keine Ruhe, er ist verunsichert: "Wer weiß denn, ob es nicht weitere Lecks gibt und ob die Giftstoffe sich nicht über das Grundwasser überall hin verbreitet haben?" Und: "Wie lange ist denn schon Gift ausgetreten, bevor die Lecks 2007 entdeckt wurden?"

Die aufwendigen Sanierungsarbeiten habe er bobachtet, sagt Schoon: "Es wurde ja überall gebuddelt." Deshalb habe er sich schon vor einem Jahr an ExxonMobil gewandt und um ein Gespräch gebeten. "Fünf Exxon-Mitarbeiter saßen mir gegenüber. Da war aber keine Rede davon, dass durch die Leckage auch Quecksilber und andere Giftstoffe ausgetreten sind." Man habe ihm nur gesagt: "Da ist eine Muffe kaputtgegangen und es ist Salze haltiges Wasser ausgelaufen, sicherheitshalber tauschen wird das Erdreich aus." Damit habe er sich zufriedengeben müssen, sagt Schoon, "für mich waren das ja die kompetenten Leute". Doch jetzt stelle sich heraus, dass es nicht eine Leckage, sondern neun undichte Stellen gab und dass dabei giftige Stoffe ausgetreten sind.

ExxonMobil weist indessen den Vorwurf der Vertuschung zurück. Ein Baustellenschild habe Passanten auf die Sanierung der Leitung hingewiesen, so Firmensprecher Norbert Stahlhut in einer Mitteilung. Die verunreinigten Bereiche seien entsprechend den deutschen Umwelt- und Sicherheitsregeln ausgehoben, fachgerecht entsorgt und mit sauberem Bodenmaterial bis zum ursprünglich vorhandenen Geländeniveau wieder verfüllt worden. Sämtliche Arbeiten seien den zuständigen Behörden gemeldet und von diesen genehmigt worden. Weitere Angaben waren von dem Unternehmen auch auf mehrmalige Anfrage hin nicht zu bekommen.

Aufwendige Reparatur

Welche Stoffe bei der Havarie ausgetreten sind, das weiß auch Kurt Schmolke nicht genau. Obwohl er schriftlich über die Proben und ihre Inhaltsstoffe informiert worden ist: "Aber damit kann unsereins ja auch nichts anfangen." Der Landwirt hat seinen Hof unmittelbar neben der betroffenen Leitung. Sie liegt in seinem Acker. ExxonMobil zahlt ihm dafür Pacht. "Natürlich ist das nicht schön, was da passiert ist", sagt Schmolke, "aber überall geht mal etwas kaputt." ExxonMobil habe sich aber sofort mit großem Aufwand an die Reparatur gemacht: "Die haben sogar extra zwei Baustraßen angelegt." Angst vor einer möglicher Grundwasserverseuchung hat er nicht, sagt Schmolke mit Hinweis auf mehrere Kontrollbrunnen, die ExxonMobil entlang der Rohrleitung gebohrt hat.

Gebohrt worden ist auch einige Hundert Meter von der lecken Leitung entfernt, in der Nähe des Schoon'schen Grundstücks. Schoon hat die Baustelle fotografiert. "Zweieinhalb Meter tief haben sie gebaggert, dann Drainagerohre verlegt und Wasser abgepumpt." Das Wasser sei durch Schläuche kurz vor der Förderstation Z 9 in einen Behälter geleitet worden. Der sei übergelaufen und das Wasser im Wald versickert. Nur fünf Meter entfernt von einem kleinen Bach. "Warum Exxon dort Wasser abgepumpt hat, das weiß ich auch nicht", sagt Schoon.

Der Pensionär ist verunsichert. " Was passiert zum Beispiel mit dem Wasser, das bei der Gasförderung anfällt?" Vor vielen Jahren habe es geheißen, es werde nach der Reinigung wieder zurück in die Erde gedrückt - bis in eine Tiefe von 10000 Metern. Dann seien es plötzlich nur noch 5000 Meter gewesen, schließlich nur noch 1000 Meter. "Was soll ich jetzt noch glauben?" Und dann die Frage nach der Förderart: "Wird im Gasfeld Söhlingen das umstrittene Fracing-Förderverfahren angewandt oder nicht?" Beim Fracing werden in großer Tiefe mit hohem Wasserdruck und unter Zugabe von zum Teil gefährlichen Chemikalien Gesteinsformationen aufgebrochen, um dann das Erdgas herauszulösen. Kritiker des Verfahrens sehen Gefahren für das Grundwasser.

Als sie 1994 von Langwedel nach Bellen zogen, wussten die Schoons, dass dort Gas gefördert wurde. Sie haben sich auch längst an einiges gewöhnt - an den Geruch, der immer mal wieder von der Reinigungsstation herüberweht, oder den Lärm, wenn an der nahen Förderstation über eine Riesenfackel Gas abflammt. Doch seit sie von den gefährlichen Lecks erfahren haben, machen sie sich zunehmend Sorgen um ihre Gesundheit - und das Wohl ihrer Tiere. 150 Karpfen seien im vergangenen Jahr aus unerfindlichen Gründen eingegangen, und zwölf Katzen. Christa Schoon hat seit langem Probleme mit den Nieren, Tochter Mady seit Monaten Haarausfall. "Dass kann natürlich ganz andere Ursachen haben", sagt Erdwin Schoon, "da will ich nichts Falsches behaupten. Aber man kommt schon ins Grübeln." Heute hat er einen lange vereinbarten Termin beim Hausarzt zur Blutuntersuchung. Auf die Ergebnisse ist er diesmal besonders gespannt.

 

http://www.weser-kurier.de/Artikel/Region/Landkreis+Rotenburg/303040/Gas-Leckage+verunsichert+Anwohner.html

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