Expertenkreis gibt grünes Licht

Expertenkreis des von Exxon initiierten Info-Dialog-Prozesses gibt grünes Licht

Stellen Sie sich vor, Sie seien der deutsche Chef einer internationalen Erdöl-/ Erdgas­förderfirma. Die Geschäfte laufen so gut wie nie, und genau das macht Sie misstrauisch. Denn – das haben Sie in vielen Jahren gelernt – wenn es gut läuft, heißt das nicht, dass das auch in Zukunft so sein wird. Nein, im Gegenteil: die Probleme machen lediglich eine Verschnaufpause, um Sie in Zukunft umso stärker zu ärgern. Also müssen Sie die guten Zeiten nutzen, um sich auf schlechte vorzubereiten.

Diese schlechten Zeiten hocken schon finster dräuend am Horizont: Denn das Ende der Erdöl- und -gasvorkommen in Deutschland ist abzusehen. Außerdem haben es die blöden Grünen geschafft, die Bundesregierung davon zu überzeugen, dass Deutschland eine Energiewende machen und fossile Energieträger abschaffen soll. Folgerichtig würde dann auch niemand mehr Förderunternehmen brauchen.

Das findet zwar alles in weiter Ferne statt und bis dahin wird viel Lagerstättenwasser durch Ihre Kunststoffpipelines geflossen sein, aber das sind wirklich gravierende Probleme, die auf Sie warten: Das ist der Verlust Ihrer Geschäftsgrundlage.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“,[1] haben Sie mal irgendwo gelesen. Und das Rettende (klingt erst einmal paradox) ist: Erdgas.

Der Grund für die Energiewende ist ja nicht nur das Ende der Lagerstätten, peak-oil und so, der Grund ist ja auch der Klimawandel. Und weil so eine Energiewende nicht von heut auf morgen zu machen ist, kann man ja erst einmal damit anfangen, klimaschädliche Stoffe durch weniger schädliche zu ersetzen. Und das heißt: Gas statt Kohle. Das spart schon mal CO², ohne einen winzigen Abstrich beim Komfort machen zu müssen. Ist doch ideal! Und für Sie wären das dann zwei richtig große Fliegen unter einer Klappe: Sie würden erreichen, dass trotz Energiewende weiterhin Erdgas benötigt wird und damit auch gefördert werden muss, und zusätzlich noch könnten Sie Ihren Anteil an der deutschen Energieerzeugung erhöhen, indem Sie die Kohle rausschmeißen und durch Gas ersetzen.

Wenn – ja wenn Sie auch wirklich und tatsächlich Erdgas fördern können. Doch da taucht ein riesiger Haken an Ihrem schönen neuen Plan auf, eigentlich sogar zwei: Denn erstens wird die größte Menge des in Deutschland verbrauchten Erdgases in anderen Ländern gefördert (ca. 90%), und zweitens können Sie die heimische Förderung gar nicht ausweiten, im Gegenteil, die meisten deutschen Erdgaslagerstätten sind schon weitgehend ausgebeutet. Die Förderraten sinken. Wenn Sie also den deutschen Erdgasmarkt vergrößern (Gas statt Kohle), würde das lediglich die Konkurrenz freuen, Ihr Anteil an der Torte wird sinken.

Aber auch da kommt Ihnen eine rettende Idee: Die Idee nennt sich „Fracking“ und ist eine Methode, um an Erdgas zu kommen, das bislang nicht förderbar war. Diese Methode ist zwar ein ziemlich unkonventionell, wurde aber in Amerika bereits erfolgreich angewendet. Und die deutschen Bergämter werden das mitmachen, kein Problem. Die müssen das sogar mitmachen, die haben gar keine andere Wahl. Ach wie schön ist das deutsche Bergrecht: „drill, Baby, drill!“

Leider hat es in Amerika ein paar Probleme mit dieser neuen Fördermethode gegeben und leider sind die Informationen darüber auch hier in Deutschland angekommen und vor Ort eingesickert wie in poröses Gestein. Obwohl Sie und die freundlichen Kollegen von den Bergämtern die „unkonventionelle Gasförderung“ immer wie eine „konventionelle“ behandelt haben, um die Bevölkerung gar nicht erst mit fachlichen Details zu belasten, gründen sich plötzlich überall Bürgerinitiativen. Und die Wasserverbände fangen auch an, sich zu wehren, obwohl das doch größtenteils Beamte sind, oder Angestellte, jedenfalls quasi öffentliche Hand (die übrigens auch aufmüpfig zu werden beginnt). Natürlich können Sie wie üblich darüber hinweggehen, abwiegeln, Störfälle vertuschen. Aber die Proteste weiten sich aus. Und zwar ganz erheblich.

Und schon wieder haben Sie ein Problem. Ein Imageproblem. Sie stehen in der Öffentlichkeit als Brunnenvergifter da, als Landschaftszerstörer, Giftmischer und Umweltvergifter. Das ist bitter. Nun haben Sie sich schon so viel Mühe gemacht und einen so eleganten Weg aus der Gefahr gefunden, dann so etwas.

Und weil Ihnen diesmal nichts Rettendes mehr einfällt, gehen Sie erst einmal mit dem Hund spazieren und werfen Stöckchen. Dabei denken Sie so über sich und die Welt nach und betrachten gedankenversunken den Hund. Der Hund, der jedes Stöckchen emsig sucht, eifrig apportiert, ungeduldig aufs nächste wartet und vor lauter Verzweiflung sogar ein fremdes Stöckchen anbringt, als er das richtige nicht finden kann.

Und da ist es wieder, das Rettende! Der Hund sucht Stöckchen, er kann gar nicht anders. Bei Menschen gibt es das auch, die sind auch oft komisch und können nicht anders. Zum Beispiel Ralph, der ist Ingenieur und will immer alles berechnen. Oder Dietrich, der ist Forscher. Der beschäftigt sich jahrelang mit einer total ominösen Problemstellung, um dann irgendwann entweder einen Nobelpreis zu kriegen, oder auf ewig vergessen zu werden. Forscher wollen forschen, deshalb sind sie ja Forscher geworden, die wollen nicht anders, die sind so.

Kann man das nutzen?

Was würde passieren, wenn Sie nun Ihr Problem in die Hände von Forschern geben. Wenn Sie einen wissenschaftlichen Arbeitskreis gründen und dem sagen würden: „Wie ist das denn nun genau mit dem Fracking? Kann man die technischen Probleme lösen oder nicht?“ Was würde der machen und zu welchem Ergebnis würde der kommen?

Da Forscher forschen wollen, und da eine solche praxisbezogene Aufgabenstellung ziemlich ungewöhnlich und sehr lukrativ ist, wird der Arbeitskreis die Aufgabe erst einmal nicht ablehnen. Dann werden sie sich damit beschäftigen und sagen: „Wir können kein abschließendes Urteil fällen, weil wir zu wenig Kenntnisse über die genauen Prozesse untertage haben, da besteht noch erheblicher Forschungsbedarf. Deshalb können wir Fracking weder grundsätzlich ablehnen noch befürworten. Wir plädieren daher für eine weitere Forschung in mindestens zwei Pilotprojekten.“

Damit wären Sie den Schwarzen Peter los. Denn jetzt haben Sie ja grünes Licht von der Wissenschaft. Jetzt sind Sie ja kein Brunnenvergifter mehr, sondern einer, der sich in den Dienst der Wissenschaft stellt, der freiwillig auf sein (Berg-)Recht verzichtet und sein Tun der öffentlichen Diskussion stellt. Sie sind reingewaschen. Und außerdem haben Sie die Diskussion sehr subtil auf das technische Gleis geschoben. Es geht jetzt um Sach- und Fachgeschichten, um Details und Einzelfragen, um Machbarkeit. Die Grundsatzfrage, ob es überhaupt sinnvoll oder notwendig ist, diese Technik einsetzen zu wollen, ob Machbarkeit gut ist, diese Frage geht unter. Auch das eine Eigenschaft von Wissenschaftlern: Erst einmal alles auseinanderdröseln, um die Feinheiten zu verstehen. Das große Ganze gerät dabei leicht aus dem Blick. Für Sie ist das alles doch wunderbar.

Aber birgt das nicht ein immenses Risiko? Immerhin geben Sie das Ruder aus der Hand und liefern sich den Wissenschaftlern aus. Das kann doch auch fürchterlich in die Hose gehen.

Doch da zahlt sich Ihre klassische Bildung aus. Was hat Odysseus gemacht, als er in einer ähnlichen Situation war und nicht mehr weiter wusste? Als er den Gesang der Sirenen hören, aber nicht an deren Klippe zerschellen wollte, gab er für die Zeit der Passage das Kommando über sein Schiff ab und befahl seiner Mannschaft, unterwegs nicht auf ihn zu hören. Dann ließ er die Ohren der Mannschaft mit Wachs verstopfen, sich selbst mit offenen Ohren an den Hauptmast seines Schiffes fesseln und wurde so zum einzigen Menschen, der die wunderschönen Gesänge der Sirenen jemals gehört hatte, ohne daran zugrunde gegangen zu sein.

Also geben Sie für eine begrenzte Zeit das Ruder aus der Hand, wohlwissend, dass Sie sich auf Ihre Mannschaft verlassen können, und umschiffen so die Probleme, die sich Ihnen in den Weg gestellt hatten.

Als Ergebnis bekommen Sie kein Verbot von Fracking, sondern die freundliche Auflage, doch bitteschön vorsichtig zu Fracken. Das machen Sie dann auch und achten dabei penibel darauf, dass bei diesen Pilotfracks auch wirklich nichts daneben geht.

Dann haben Sie erst einmal einen Fuß in der Tür und das drohende Ende Ihrer Geschäftsgrundlage abgewendet. Und irgendwann ist das alles vergessen und dann können Sie auch wieder unvorsichtig fracken.

s. auch:

NDR-Berichterstattung zur Präsentation des "unabhängigen" Wissenschaftrat,

NOZ-Bericht

Deutschlandfunk


[1] Friedrich Hölderlin

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