Der Spagat der Wissenschaftler

Fracking: Exxon "InfoDialog"-Abschluß am 25.4. in Osnabrück

"Empfehlungen" des "Neutralen Expertenkreises"

Wenn diese Abschlusskonferenz eines erbracht hat, dann die Gewißheit, dass man allzuviel nicht weiß über Risiken und Gefahren des Frackings.

Das spiegelte sich auch in den Kommentaren der Vertreter von Kommunen, Bürgerinitiativen und Verbänden wieder, von den Wasserversorgern über das Diozösankomitee aus Münster bis zum Bauernverband, die die Empfehlungen des Expertenkreises durchweg anzweifelten.

Die Kritik wäre sicher noch viel vernichtender ausgefallen, wenn die Ergebnisse einige Tage vorher vorgelegen hätten, damit man sich darauf vorbereiten hätte können. Die Empfehlungen des Expertenkreises sind keineswegs nachvollziehbar, im Gegenteil: In der 75-seitigen Zusammenfassung der Risikostudie wird z.B. festgestellt, dass Blow-Outs keineswegs selten sind. In Pennsylvania beispw. seit 2008 zwei auf 3000 Bohrungen. Exxon geht von einem „Ereignis“ auf 1000 Bohrungen aus. Immerhin wurden in Deutschland seit 2002 73 Bohrungen niedergebracht, ohne dass es einen Blowout gegeben hätte! Dazu kommen viele weitere Störfall-Typen und Risiken mit verheerenden Auswirkungen auf die Umgebung, die alle säuberlich aufgeführt sind.

In Anbetracht der zu erwartenden mehreren tausend Bohrungen in Deutschland (dies wurde ausdrücklich bestätigt) ist die Folgerung: „Die beschriebenen Unfälle und Störfälle bzw. ihre nachteiligen Folgen können durch moderne Technik und ein umfassendes Sicherheitsmanagement deutlich „entschärft“ werden. Sie sind als kontrollierbar anzusehen“ reichlich beschönigend.

Oder zum Thema „Versenkung des Flowback“ (ausgefördertes Tiefenwasser): Über dieses weiß man wenig, die Datenlage ist nicht ausreichend, mögliche Abbauprodukte unbekannt.

Trotzdem sei die Verpressung vertretbar, sofern ein Gesamtkonzept vorgelegt und die Technik weiterentwickelt werde. Und so weiter. Insgesamt seien nicht nur viele Verfahren, sondern auch das technische Regelwerk weiterzuentwickeln, das sei nämlich völlig unzureichend.

Trotzdem wird empfohlen, in beiden Lagerstätten-Regionen (Kohleflöz-Gas im Münsterland bis zur Höhe Osnabrück-Bissendorf und im Schiefergas-Gebiet nördlich der Linie Rheine-Osnabrück-Minden) je ein „großtechnisches Demonstrationsvorheben“ durchzuführen, bestehend aus einem Clusterbohrplatz mit jeweils 12 bis 15 Bohrungen, um „die Wirkungen eines flächendeckenden Einsatzes der Fracking-Technologie genauer zu untersuchen“.

Auf Nachfrage, ob vor diesen Vorhaben erst das unzureichende Regelwerk (techn. Normen) angepasst würde (sowas kann Jahre dauern), hielt man sich bedeckt.

Man wolle aber zügig weitermachen, noch in diesem Jahr, sagte hinterher Exxon-Chef Kalkoffen der Presse, Bissendorf und Lünne seien interessant. (NOZ vom 26.4.).

Für die Teilnehmer und die Medien wurde eine Talkshow mit vielen Experten geboten, deren Empfehlungen aber in offensichtlichem Widerspruch stehen zu den tatsächllichen Ergebnissen der bisherigen Arbeit. Die Ableitung der Empfehlungen blieb im Dunkeln – die eigentliche Studie wird nämlich erst Mitte Mai veröffentlicht.

Deutlich wurde hier ein schon fast peinlich wirkender Spagat zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Anforderungen eines Auftraggebers, unter ständigen Beteuerungen, Exxon hätte nie irgendeinen Einfluß genommen. Krönung war dann die Aussage von Kalkoffen, er hätte die Ergebnisse erst vor einigen Tagen bekommen.

(P.S.: Alter Witz unter Technikern: Warum heißt ein Gutachten Gutachten? Weil es für den Auftraggeber gut ausfällt – sonst würde es ja „Schlechtachten“ heißen.)

Ralph Griesinger

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