"Da sage ich: Alarm!": Gelsenwasser-Vorstand Scholle im Interview

GELSENKIRCHEN Gelsenwasser-Vorstand Manfred Scholle war der erste Unternehmenslenker, der öffentlich massive Kritik an Bohr-Plänen nach unkonventionellem Gas in Münsterland und Ruhrgebiet geäußert hat. Christoph Klemp und Torsten Storks sprachen mit ihm über Gift im Boden, die Bohr-Methode namens „Fracking“ und die Gas-Lobby.

 

Wie war Ihr Urlaub?
Scholle: Toll. Ich war Skilaufen in Österreich mit meiner Großfamilie, einschließlich meiner fünf Enkel.

Beim Skifahren hatten Sie wohl keine Zeit, neue Gasquellen zu erkunden.
Scholle: Nein. Aber meine Tochter hat mir den US-Film „Gasland“ geschenkt, in dem es um „Fracking“ geht und die Auswirkungen dieser neuen Gasförder-Technologie. Ich habe mich also auch im Urlaub mit Gas beschäftigt.

Gelsenwasser – so war zu lesen – wollte 2011 mit anderen unter dem Namen Novogate selbst Gas in der Nordsee fördern. Was ist daraus geworden?
Scholle: Novogate ist eine Gasbeschaffungsgesellschaft für Stadtwerke. Das tut sie. Mehr nicht.

Aber es gab Pläne, selbst Gas zu fördern?
Scholle: Die Bayerngas, der die Novogate zu 70 Prozent gehört ist im Fördergeschäft tätig. Wir aber nicht. Mein Motto ist: Schuster bleib‘ bei Deinem Leisten.

Seit dem 1. Januar bietet Gelsenwasser Biogas an. Wie läuft das Geschäft?
Scholle: Dazu kann ich noch nichts Konkretes sagen. Dafür ist es noch zu früh. Wir gehörten zu den ersten, die Biogas ins Netz eingespeist haben. Am Niederrhein wollen wir eine Gassammelschiene einrichten. Dort soll das Biogas von mehreren Bauernhöfen gesammelt und zentral gereinigt werden. Dadurch wird es wirtschaftlicher. Die Forschungen sind abgeschlossen und wir entwickeln gerade ein Geschäftsmodell dazu. Wir verstehen uns als Gesellschaft, die Gas verkauft und mit Wasser versorgt. Aber immer sagen wir: Wasser hat Priorität.

Das heißt: Unkonventionelles Gas, spielt für Sie überhaupt keine Rolle?
Scholle: Nein. Null. Um Gottes Willen. Nach jetzigem Stand müssen wir gegen die Gasförderpläne, wie ExxonMobil sie im Münsterland, andere Energiekonzerne im Ruhrgebiet planen, massive Bedenken äußern, was den Wasserschutz betrifft. Die Förderung mit der Fracking-Methode, bei der giftige Chemikalien in den Boden gepumpt werden, kann nur im Einvernehmen mit Wasserschutzbehörden und der europäischen Wasserrahmenrichtlinie funktionieren. Das ist aber im aktuellen Bergrecht so nicht vorgesehen. Das muss sich ändern.

Was fordern Sie?
Scholle: Es muss eine verbindliche Umweltverträglichkeitsprüfung durch die Wasserbehörden stattfinden, schon bevor solche Bohrungen genehmigt werden.

Warum haben Sie Angst ums Trinkwasser?
Scholle: Ich befürchte, dass die Chemikalien, die zur Bohrung gebraucht werden, ins Wasser gelangen. Da sind nicht-lösliche, giftige Stoffe dabei. Bei zehn Millionen Litern Wasser pro Bohrung sind das Tonnen von Chemikalien.

Das dürfte Sie doch freuen! Mit Abwasser verdienen Sie doch auch gutes Geld...
Scholle: Die Chemikalien sind nur sehr aufwändig zu entsorgen. Das kostet viel Geld. Daran haben die Energiekonzerne natürlich wenig Interesse. Im niedersächsischen Damme hat ExxonMobil bereits Frack-Wasser im Boden verklappt. Ungereinigt in der Nähe von Bohrlöchern. Genehmigt von der Behörde. Da sage ich: Alarm! Wie kann eine Bergbehörde so etwas genehmigen? Ich gehe davon aus, dass das Bergamt in NRW so etwas nicht zulässt. Es muss auch geklärt werden, was mit dem Wasser geschieht, das in der Lagerstätte verbleibt.

Die niedersächsische Bergbehörde sagt: Zwischen Grundwasser und Lagerstätte liegen hunderte Meter. Da kommt nichts hoch.
Scholle: Kann es aber – trotz der großen Höhenunterschiede. Außerdem bohren Sie ja zunächst bis zur Lagerstätte in die Erde – also auch durch wasserführende Schichten. Da kann was austreten.

Sind Sie generell gegen die Förderung dieses Gases?
Scholle: Nein. Heimische Energiequellen begrüße ich sehr. Ich möchte nur ausgeräumt haben, dass das Grundwasser gefährdet wird. Und nach allem, was Fachleute mir gesagt haben, muss ich davon ausgehen, dass es zu Verunreinigungen kommt. Nun ist die Politik gefordert, für einen rechtlichen Rahmen zu sorgen.

Sie sind auch Gas-Lobbyist, waren es als Vorstandsvorsitzender der RWE Gas AG noch viel mehr. Holen Sie jetzt die Geister ein, die Sie einst selbst gerufen haben?
Scholle: Ich habe sie nicht gerufen. Aber ich kenne Lobbyarbeit, die ja auch legitim ist. In den 90er Jahren haben wir noch anders gedacht. Die Gas-Branche fand unkonventionelles Gas sehr interessant. Man muss aber auch Veränderungen akzeptieren. Die gesellschaftliche Debatte ist heute eine andere. Ich bin ja auch Gas-Mann und finde es gut, dass wir Gas für die nächsten 250 Jahre auf der Welt haben. Aber: Es gibt derzeit keine akute Not, um solch risikoreiche Eingriffe zu rechtfertigen. Wir haben genug Gas aus Russland, Norwegen, Katar – über Schiffe, über Pipelines.

Glauben Sie, dass in der Region jemals unkonventionelles Gas gefördert wird?
Scholle: Ja. Ich gehe davon aus, dass man im Jahr 2025 Technologien hat, mit denen das umweltverträglich möglich ist.

Sie haben sich für einen TV-Beitrag vor den Halterner Stausee gestellt und damit große Verunsicherung ausgelöst. Dort wird doch gar nicht gebohrt. Oder wissen Sie mehr?
Scholle: Der Stausee liegt mitten in einem ausgewiesenen Suchgebiet für unkonventionelles Gas. Das hat uns alarmiert. Große Teile des Umlands sind Einzugsgebiet für den Halterner Stausee. Natürlich wird nicht unter dem Stausee selbst gebohrt; aber dennoch machen wir uns Sorgen. Und die äußern wir auch.

Wie beurteilen Sie den Vorstoß der EU-Kommission, die Gesetzeslage abzuklopfen?
Scholle: Positiv. Das zeigt, dass unsere Sorge berechtigt ist.

Was den Menschen auch unter den Nägeln brennt, sind die Gas- und Wasserpreise. Ihre Prognose?
Scholle: Es ist jetzt das fünfte Jahr in Folge, dass die Wasserpreise stabil bleiben. Und auch unsere Gaspreise werden - nach einer Anhebung 2010 - stabil bleiben.

Plant Gelsenwasser weitere Beteiligungen?
Scholle: Ja, natürlich. Derzeit verhandeln wir exklusiv mit der Stadt Holzminden. Auch beim Abwasser wachsen wir – durch eine Kooperation mit der Stadt Höxter.

Wir haben das Interview mit einer persönlichen Frage begonnen und würden es gern mit einer Frage zu Ihrer persönlichen Lebensplanung beenden. Ihr Vertrag läuft in diesem Jahr aus...
Scholle: Und ich werde ganz klar am 30. September aufhören. Ich habe ja noch ehrenamtliche Aufgaben, zum Beispiel als Hochschulratsvorsitzender der Fernuni Hagen sowie in der evangelischen Kirche Westfalens. Bis zum 30. September werde ich aber noch viel Spaß bei Gelsenwasser haben.

Ruhr Nachrichten

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