Die Hinrichtung von Pawel Bryk durch Friedrich Kicker

die Recherchen von Dr. Volker Issmer

Ausschnitt mit freundlicher Genehmigung des Autors:

Volker Issmer, Das Arbeitserziehungslager Ohrbeck bei Osnabrück. Hrsg. v. Landschaftsverband Osnabrücker Land e. V.; dort S. 166 ff. Osnabrück 2000

Exkurs: Frauen-Geschichten

Description: Height 1m 75; blond hair; blue eyes; med build; operation scars on left side

[übersetzt: Beschreibung: Größe 1. 75 m; blondes Haar; blaue Augen, von mittlerem Körperbau; Operationsnarben auf der linken Seite (des Gesichts?)]

So wird Kicker in den Ermittlungsunterlagen aus dem Britischen Verteidigungsministerium stichwortartig geschildert.

Im Unterschied zu Haas, dessen Äußeres von einer Zeitzeugin einmal mit den Worten „also so ‘ne Art Göbbels“, bzw. „wie Göbbels“ als offensichtlich wenig attraktiv beschrieben wurde 79), war Friedrich (Fritz) Kicker offensichtlich eine beeindruckende Erscheinung und legte auch großen Wert auf äußere Wirkung.

.. Er sah immer so aus, wenn er da so rummarschierte, als wenn wir [anderen] nicht dawären; ich glaube, der konnte garnicht vernünftig reden, der mußte schon immer so rumschreien, und dann [hatte er] seine Reithose an, Stiefel; so lange wie kein anderer dawar, da lief er denn immer rum, hatte die Hosenträger runterhängen ..

So schildert ihn abfällig der Dolmetscher, der zuweilen dienstlich im AEL Ohrbeck tätig war und dann Kicker aus nächster Nähe erlebte.80)

Auf Frauen scheint Kicker dagegen häufig einen positiven Eindruck gemacht zu haben - zumindest vom äußeren Erscheinungsbild her. Die bereits o. erwähnte damalige Freundin/Verlobte eines deutschen Häftlings, die an Sonntagen mit Lebensmittel-Päckchen nach Ohrbeck geradelt kam, die sie im Lager bei Kicker abgeben mußte, stellt ihn so vor:

Groß, dunkel - unwahrscheinliche Erscheinung! Er war ja einer von der SS, die wurden ja alle ausgesucht. 81)

Nach den Erinnerungen einer Frau, die damals in unmittelbarer Nähe des Lagers zu Hause war, kam Kicker manchmal zu Besuch, allein oder in Begleitung, um etwas zu trinken und zu feiern. Wie sie sich äußerte, sei er ein zwar schon älterer, aber gutaussehender Mann gewesen, der - auch wegen seiner Uniform - durchaus Erfolg bei Frauen gehabt habe. 82)

Drastischer formuliert eine andere Frau, die damals auch mit Kicker Bekanntschaft gemacht hat:

Also, er war’n Blindgänger. Wir hatten auch Kaninchen, ja, und die hab’ ich immer gefüttert und denn kam er immer vom Bauern [..], da hat er gegessen, und da hat er auch übernachtet, nicht, er war’n ganz großer Schweinehund, ‘n Fremdgänger, ich sag’ das so wie ich das denke, nicht? Sagt er doch ganz prompt zu mir: Hol’n Sie sich da keinen Appetit, wenn der Bock da oben drauf ist? 83)

Von dieser Frau stammt auch die Information, daß der verheiratete Kicker zu einer jungen deutschen Frau in der näheren Umgebung des AZL ein Liebesverhältnis gehabt und auf Vorhaltungen deswegen mit Drohungen reagiert habe.

Kicker, der offensichtlich ein so deutlich ausgeprägtes Interesse an (jungen) Frauen hatte, ist nicht nur als Leiter des AZL Ohrbeck in Erscheinung getreten. Mit seinem Namen ist auch der Begriff „Sonderbehandlung“ (abgekürzt SB) für Osnabrück und den näheren Umkreis der Stadt verbunden.

Die Osnabrücker Gestapo hat mehrere SB-Fälle durchgeführt. Worum es sich dabei handelte, machen zwei Aussagen ehemaliger Osnabrücker Gestapo-Angehöriger deutlich:

In meiner Zeit wurden von der Dienststelle der Gestapo in Osnabrück vier Exekutionen (Sonderbehandlung) durchgeführt. Hierbei handelte es sich um 2 Polen und zwei Russen. Eine fand statt in Bissendorf, die zweite bei Bruchmühlen, die dritte bei Schüttdorf und die vierte auf dem Güterbahnhof in Osnabrück. Der Leiter der Gestapo Dr. Rascher musste die Exekution in Berlin beim Reichssicherheitshauptamt beantragen. Vorbereitet wurden diese Anträge durch die Sachbearbeiter A., Kicker und M.. Diese drei Beamten sassen zwar nicht zusammen, sondern zeitlich verschieden in dem sogenannten Schutzhaftreferat, von dem die Exekutionsangelegenheit vorbereitet wurde. [..]

Der Dienststellenleiter gab auch den Befehl, nach Erhalt der Genehmigung vom Reichssicherheitshauptamt die Häftlinge zu exekutieren. Der Sachbearbeiter vom Schutzhaftreferat ging am Tage vor der Exekution in das Gefängnis und bestimmte 2 Landsleute von den zu Exekutierenden, die Exekution durchzuführen. Auf diese Weise wurden dann die Polen und Russen erhängt. 84)

Der Bissendorfer SB-Fall steht im Mittelpunkt der folgenden ausführlichen Schilderung:

Ich kann mich noch an die Bearbeitung eines SB-Falles erinnern. Nachdem Näheres mit mir durchgesprochen worden ist, muß es sich um den Polen aus Bissendorf, Lk Osnabrück, gehandelt haben.

Von dem zuständigen Gendarmeriebeamten erhielt ich Kenntnis, daß sich jener Pole mit einer Deutschen geschlechtlich eingelassen hätte. Ca. 2-3 Wochen später wurde der Pole von mir festgenommen. Die deutsche Frau wurde auf meine Veranlassung von einem Kollegen - wer er war, weiß ich nicht mehr - abgeholt. Dieser erschien in Bissendorf mit einem Trupp von SA-Angehörigen. Der Frau wurden die Haare geschoren und Schilder umgehängt. So wurde sie durch die Straßen geführt.

Ich habe den Polen als auch die Frau vernommen und im Schlußbericht vermerkt, daß die Frau die Schuldige sei, denn es hatte [sich] herausgestellt, daß sie den Polen - beide arbeiteten auf dem selben Bauernhof - verführt hatte. Das RSHA hat mich gerügt, daß ich den Polen so günstig beurteilt hatte. Diese Mitteilung machte mir mein damaliger Chef W e i ß - B o l l a n d t.

Auf Frage:

Bis zum Schlußbericht habe ich den Fall bearbeitet. Erst danach setzte dann die sogenannte Sonderbehandlung ein, d.h. wahrscheinlich hat der Dienststellenleiter den entsprechenden Antrag gestellt. Der Pole wurde fotographiert und der Vorgang zur Beurteilung der rassischen Merkmale fortgesandt. Wohin, kann ich nicht sagen. Anschließend kam der Vorgang zu K i c k e r, der das Schutzhaftreferat unter sich hatte. Er mußte dann die Akte dem RSHA zuleiten und später die Vorbereitungen für die Exekution treffen. Auch die Durchführung der Hinrichtung war K i c k e r s Aufgabe. Unterstützt wurde er dabei von M., dem es an und für sich nur oblag, Fotoaufnahmen von der Hinrichtungsstätte zu machen.

Weitere SB-Fälle sind mir nicht in Erinnerung. Dieser von mir geschilderte hatte in der Öffentlichkeit sehr viel Staub aufgewirbelt, so daß m. E. dies der Anlaß gewesen ist, keine Exekutionen mehr in der Öffentlichkeit vorzunehmen. Die weiteren Hinrichtungen wurden dann zunächst wohl in den Konzentrationslagern durchgeführt.

Auf Frage:

Bei extremen Fällen ist die Leitstelle Münster eingeschaltet worden. Ob es auch in dem Fall „B r y k“ geschah, kann ich nicht mit Sicherheit behaupten, denn ich weiß nicht, wann Osnabrück der Leitstelle Münster unterstellt worden ist. Ich möchte noch einmal klar herausstellen, daß ein Ausländervorgang nach Antrag auf SB von K i c k e r, wer sein Vertreter oder überhaupt sonst noch im Schutzhaftreferat saß, ist mir nicht mehr erinnerlich, bis zum Abschluß (Exekution oder Einweisung ins KL) weiterbearbeitet worden ist. Uns Angehörigen vom Ausländerreferat oblagen die Festnahmen, Vernehmungen und dann die Fertigung eines sogenannten Abschlußberichtes. Auf den weiteren Verlauf hatten wir keinen Einfluß mehr. 85)

-Karteikarten (4: Fall Bryk)

Nach den vorhandenen Unterlagen kann also mit einiger Wahrscheinlichkeit festgestellt werden: Der Gestapobeamte und SS-(Unter-?)Offizier Kicker, der als Lagerleiter in Ohrbeck während seiner „Freizeit“ offensichtlich amourösen Abenteuern nicht abgeneigt war, so daß noch heute die Erinnerung daran lebendig ist, beteiligte sich maßgeblich an der Hinrichtung eines Polen in Bissendorf, der es gewagt hatte, eine Liebesbeziehung mit einer deutschen Frau einzugehen. 86)

 

wir danken Herrn Dr.  Volker Issmer für die freundliche Genehmigung.

 

Die Geschichte von Pawel Bryk und Lina Gräbig ist auch Gegenstand der Erzählung "Bissendorfer Trilogie"  in dem Buch von Volker Issmer, "Fremde Zeit - Unsere Zeit. Ein Lesebuch." Geest-Verlag, Vechta 2011, dort S. 91-123 ("Bissendorfer Trilogie"), ISBN 978-3-86685-266-2

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