Der Wald – Sehnsuchtsort oder Patient

Ein Expertengespräch mit dem Thema „Wald.Zukunft.Gemeinsam“

Eine besondere Bedeutung hatte der Wald für uns Menschen wohl schon immer. So begriff Dichterfürst“ Goethe ihn als Gelegenheit zur stillen Einkehr, zur Flucht vor dem Durcheinander der Stadt: „Über allen Gipfeln Ist Ruh‘, in allen Wipfeln spürest Du kaum einen Hauch“ … Ganz so romantisch klang es nicht beim Expertengespräch „Wald.Zukunft.Gemeinsam“, welches am Montag, 10. November, im Wissinger Schützenhaus vom Ortsverband der GRÜNEN veranstaltet wurde. Es sei eher so, dass wir uns um den Wald kümmern müssen, stellte Monika Purwin in ihrer Begrüßung fest. Dies sei auch als politischer Auftrag für die Partei zu begreifen. Purwins Wunsch nach einem eher hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft bemühten sich die Teilnehmer im Folgenden nachzukommen.

Zuvor gab Claus Kanke mit einem kurzen Impulsvortrag dem Gespräch mit Joachim Kellermann von Schele (Waldschutzgenossenschaft Schledehausen), Michael Brüggemann (Bezirksförster) und Christian Schroeder (MdL und forstwirtschaftlicher Sprecher der GRÜNEN) die Richtung vor. Er verwies auf die Vielzahl von Anforderungen, die an den Wald gestellt würden. So stelle er ein Reservoir für Pflanzen- und Tierarten dar, diene gleichzeitig sowohl als wichtiger CO2-Speicher wie auch als Speicher und Neubildner für Trinkwasser und natürlich als Rohstoffquelle für den Bausektor. Umso mehr, wenn ökologische Aspekte beim Hausbau zukünftig eine größere Rolle spielen sollen. Und nicht zuletzt sei der Wald ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Waldbesitzenden, deren gesellschaftliche Beachtung und Anerkennung nicht zu kurz kommen dürfe. Vergessen werden dürfe auch nicht, dass der Wald bei all den genannten Aufgaben für viele Menschen schlicht ein Erholungsraum sei.

Angesichts dieses Spektrums bezeichnete Kellermann von Schele den Wald als „eierlegende Wollmilchsau“. Zur Frage nach dem Bemühen des Landes um Steigerung der Widerstandskraft des Waldes und der Bedeutung von Fördermaßnahmen verwies er darauf, dass Letztere für viele Waldbesitzende eher ein „Reizthema“ seien. Ein echtes Problem sei auch die Tatsache, dass von den Eigentümern abzuführende Beiträge und Abgaben nicht etwa vom Einkommen durch Bewirtschaftung abhingen, sondern ausschließlich von der Fläche, was in Jahren mit geringem Ertrag zu Schieflagen führe. Hier pflichtete ihm Christian Schroeder bei. Es solle insgesamt mehr um die Einnahmen gehen, auch durch Senkung von Beiträgen. Grundsätzlich müsse jedoch erreicht werden, dass die Wälder wieder mehr Feuchtigkeit hielten. Wie auch immer das jeweils geschehen würde.

Bei der Frage nach eventuellen Gefahren, die bei Wiederaufforstung mit „invasiven“ Baumarten von diesen ausgehen könnten, gab Michael Brüggemann eher Entwarnung. Er verwies auf schon lange erfolgreich angesiedelte, ursprünglich fremdländische Arten wie Douglasie und Roteiche. Zwar sei hier die Artenvielfalt etwa bei Insekten tatsächlich geringer. Dem könne aber durch die Mischung mit heimischen Arten begegnet werden. Brüggemann hält das umsichtige Experimentieren mit Arten für sinnvoll, Überhaupt seien die Zeiträume, innerhalb derer gedacht und geplant werden muss, eher in Generationen zu messen als in den wenigen Jahren, die die Politik oft im Auge habe.

Ausgesprochen interessant wurde es gegen Ende des Abends noch einmal mit Fragen aus dem Publikum. So sahen die Experten keinen Widerspruch zwischen der CO2-Speicheraufgabe des Waldes und der Bewirtschaftung durch Holzeinschlag. Gerade schnell wachsende Arten könnten eben auch in kürzerer Zeit größere Mengen von Kohlendioxid speichern. Von den jährlich ca. 10 Festmetern Zuwachs pro Hektar blieben zudem 4-5 stehen. Der Bestand und damit das Speichervolumen nähme also zu. Einvernehmlich beklagt wurde der Umstand, dass CO2-Speicherung an sich nicht vergütet werde, etwa durch Zertifikate. Dies sei in anderen Bereichen nicht unüblich. Man denke nur an den Elektroautohersteller Tesla, der damit schon sehr viel Geld eingenommen habe.

Zuletzt sei noch die Antwort auf eine Frage in Zusammenhang mit den durch Schädlinge verloren gegangenen Beständen erwähnt: Nein, die Flächen gingen dadurch nicht verloren. Sie bleiben grundsätzlich Waldflächen und es besteht ein gesetzlicher Auftrag zur Aufforstung. Das dauere nun aber einfach. Und was die Rückgewinnung von Wald durch Naturverjüngung betrifft: Es sei nicht schlimm, einfach auch mal nichts zu machen, stellten die drei Experten einvernehmlich fest. Dann dauere es einfach noch etwas länger. Überhaupt war die Runde nicht (wie vielleicht erwartet) von einer kontroversen Debatte geprägt. Und so fielen bei sicherlich im Detail bestehenden Unterschieden auch die Schlussworte der drei Teilnehmer eher einvernehmlich aus: Es bedarf Sicherheit und mehr Spielraum in der Beratung der Waldbesitzenden. Die Verwaltung müsse immer mal wieder „im Zaum gehalten“ werden. Ganz allgemein brauche es mehr Diskussion, weniger Konfrontation, mehr Zuhören und Zurückschrauben von Eitelkeiten. Genau dafür gab der Abend das beste Beispiel ab.